ISTQB im Zeitalter der KI — ist die Zertifizierung noch sinnvoll?
Noch vor ein paar Jahren sah der Entwicklungsweg eines Softwaretesters ziemlich klassisch aus: Grundlagen des Testens, ISTQB, ein bisschen SQL, API-Testing, Postman und später vielleicht Testautomatisierung.
Heute sieht die Situation etwas anders aus, weil künstliche Intelligenz sehr stark in die IT-Welt eingezogen ist. Wir haben ChatGPT, Copilot, Tools zur Generierung von Testfällen, zur Analyse von Anforderungen oder sogar zur Unterstützung beim Schreiben automatisierter Tests.
Und genau hier entsteht die Frage: Ist ISTQB überhaupt noch sinnvoll?
Meiner Meinung nach: ja.
Aber man muss verstehen, was diese Zertifizierung ist — und was sie nicht ist.
ISTQB macht aus niemandem automatisch einen guten Tester. Es ersetzt keine Praxis, keine Erfahrung, keine Arbeit mit einer echten Anwendung und auch kein logisches Denken. Aber es kann eine sehr solide Grundlage geben, besonders für Personen, die gerade erst anfangen oder ihr Wissen strukturieren möchten.
KI hilft, aber sie denkt nicht für den Tester
KI kann Testfälle, Checklisten, Szenarien oder Beispieldaten generieren. Und das ist wirklich nützlich.
Das Problem beginnt aber dann, wenn man die Antwort einer KI als fertige Wahrheit behandelt.
Ein Modell kann wichtige Risiken übersehen. Es kann Tests vorschlagen, die auf den ersten Blick sinnvoll aussehen, in der Praxis aber zu oberflächlich sind. Es kann Code erzeugen, der professionell aussieht, aber Fehler enthält. Es kann außerdem den geschäftlichen Kontext einer Anwendung nicht vollständig verstehen.
Deshalb muss ein Tester weiterhin wissen:
- warum wir testen,
- was Risiko bedeutet,
- wie man Testfälle entwirft,
- wie man Anforderungen analysiert,
- wie man Fehler meldet,
- worin der Unterschied zwischen Retest und Regressionstest liegt,
- wann Testen ausreichend ist.
Und genau hier haben die Grundlagen aus ISTQB weiterhin ihren Wert.
Was bringt ISTQB?
Für mich liegt der größte Wert von ISTQB darin, Wissen zu strukturieren.
Die Zertifizierung zeigt, dass Testing nicht einfach nur „durch die Anwendung klicken” bedeutet. Testing ist ein Prozess. Es geht um Analyse, Kommunikation, Risikomanagement und bewusste Entscheidungen.
ISTQB hilft auch dabei, grundlegende Begriffe zu verstehen, die im Alltag eines Testers immer wieder auftauchen. Dadurch ist es einfacher, mit dem Team zu sprechen, bessere Testfälle zu schreiben und Qualität bewusster zu betrachten.
Das ist besonders wichtig für Einsteiger. Am Anfang lernt man oft sehr chaotisch: ein bisschen aus YouTube, ein bisschen aus der Arbeit, ein bisschen aus Kursen und ein bisschen aus Dokumentationen. ISTQB kann hier wie ein Grundgerüst funktionieren, das das Thema Testing ordnet.
Was ersetzt ISTQB nicht?
Man muss aber klar sagen: Die Zertifizierung allein reicht nicht aus.
Man kann die Prüfung bestehen und trotzdem keine Anwendung gut testen. Man kann Definitionen kennen, aber keinen wichtigen Fehler finden. Man kann Probeprüfungen lösen, aber bei einer praktischen Aufgabe im Bewerbungsgespräch Schwierigkeiten haben.
ISTQB ersetzt nicht:
- Praxis,
- das Testen echter Anwendungen,
- API-Kenntnisse,
- SQL-Grundlagen,
- den Umgang mit Tools,
- Testautomatisierung,
- Kommunikation im Team,
- Verständnis für das Business.
Deshalb sollte man ISTQB meiner Meinung nach als Fundament betrachten, nicht als Endziel.
Verringert KI den Wert von ISTQB?
Meiner Meinung nach nicht. Eher im Gegenteil.
Je mehr KI-Tools wir nutzen, desto wichtiger werden Menschen, die beurteilen können, ob eine generierte Antwort überhaupt Sinn ergibt.
Wenn KI Testfälle erstellt, muss der Tester wissen, ob diese Testfälle wirklich relevante Risiken abdecken.
Wenn KI einen automatisierten Test schreibt, muss der Tester verstehen, was dieser Test tatsächlich prüft.
Wenn KI Anforderungen analysiert, muss der Tester erkennen können, was fehlt.
Ohne solide Grundlagen kann man sehr leicht in die Falle tappen: „Die KI hat etwas generiert, also wird es schon stimmen.”
Und genau das ist gefährlich.
Lohnt sich ISTQB Foundation Level?
Wenn jemand gerade mit Software Testing anfängt oder seine Grundlagen ordnen möchte, dann ist ISTQB meiner Meinung nach sinnvoll.
Nicht, weil das Zertifikat automatisch einen Job garantiert. Das tut es nicht.
Aber es kann helfen, Testing besser zu verstehen, sich auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten und eine gute Basis für die weitere Entwicklung aufzubauen.
Der beste Weg ist die Verbindung von Theorie und Praxis. Also nicht nur Definitionen lesen, sondern sie direkt an Beispielen anwenden: an Formularen, Online-Shops, APIs, Anforderungen, Bug Reports oder Testfällen.
Fazit
ISTQB ist auch im Zeitalter der KI weiterhin sinnvoll, aber nicht als „magisches Zertifikat”.
Es ist sinnvoll als Fundament.
KI kann die Arbeit eines Testers beschleunigen, aber sie ersetzt nicht das Verständnis für Qualität, Risiken, Anforderungen und Testprozesse. Ein guter Tester sollte KI nutzen können, aber gleichzeitig kritisch bewerten, was die KI generiert.
Deshalb ist die beste Richtung nicht: ISTQB oder KI.
Die beste Richtung ist: ISTQB als Grundlage, Praxis als Entwicklung und KI als Werkzeug, das schnelleres Arbeiten ermöglicht, aber das Denken nicht ersetzt.
