Wie sammelt man erste Erfahrungen in der IT?
Viele Menschen, die mit Programmierung, Softwaretesting, Datenanalyse oder Cybersecurity beginnen, stoßen auf dasselbe Problem.
Um einen Job zu finden, braucht man Erfahrung. Um Erfahrung zu sammeln, braucht man zuerst einen Job.
Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Teufelskreis. In der Praxis gibt es jedoch viele Möglichkeiten, erste IT-Erfahrungen zu sammeln – auch ohne vorherige Anstellung in einem Technologieunternehmen.
Entscheidend ist, einem Arbeitgeber zu zeigen, dass du dein Wissen praktisch anwenden kannst. Ein abgeschlossener Kurs oder ein Zertifikat kann eine wertvolle Ergänzung sein, reicht aber meistens nicht aus, um sich deutlich von anderen Bewerbern abzuheben.
Du brauchst konkrete Beispiele deiner Arbeit.
1. Erstelle eigene Projekte
Ein eigenes Projekt ist eine der besten Möglichkeiten, praktische IT-Erfahrung zu sammeln.
Dabei muss es sich nicht um eine komplexe Anwendung mit Tausenden von Nutzern handeln. Am Anfang ist es viel wichtiger, dass das Projekt abgeschlossen ist, funktioniert und konkrete Fähigkeiten zeigt.
Ein Entwickler kann beispielsweise eine einfache Webanwendung, eine Website, eine API, einen Rechner, ein Aufgabenverwaltungssystem oder eine Anwendung mit externen Daten erstellen.
Ein Softwaretester kann Testdokumentation für eine ausgewählte Website oder Anwendung vorbereiten, Testfälle erstellen, Beispiel-Fehler dokumentieren oder ein kleines Testautomatisierungsprojekt aufbauen.
Ein Datenanalyst kann einen öffentlichen Datensatz verwenden, eine Analyse durchführen und die Ergebnisse in einem Bericht oder Dashboard präsentieren.
Wer sich für Systemadministration, DevOps oder Cloud Computing interessiert, kann eine Umgebung mit Docker erstellen, eine einfache CI/CD-Pipeline konfigurieren oder eine Anwendung in AWS, Azure oder Google Cloud bereitstellen.
Ein gutes Projekt sollte:
- ein konkretes Problem lösen,
- Technologien aus dem gewählten Fachbereich nutzen,
- eine Beschreibung und eine Anleitung enthalten,
- öffentlich zugänglich sein, zum Beispiel auf GitHub,
- während eines Vorstellungsgesprächs präsentiert werden können.
Ein gut vorbereitetes Projekt ist in der Regel wertvoller als zehn unfertige Repositories.
2. Baue ein Portfolio auf
Ein Portfolio ist nicht nur für Designer und Grafiker geeignet. Auch in der IT kann es ein sehr wirksames Instrument bei der Jobsuche sein.
Du kannst eine einfache Website erstellen, auf der du dich, deine Technologien, deine abgeschlossenen Projekte und deine Kontaktdaten präsentierst.
Ein Portfolio sollte vor allem die Ergebnisse deiner Arbeit zeigen.
Bei jedem Projekt solltest du beschreiben:
- welches Ziel das Projekt hatte,
- welche Technologien verwendet wurden,
- welche Aufgaben du übernommen hast,
- welche Probleme aufgetreten sind,
- wie du diese Probleme gelöst hast,
- welche Fähigkeiten du dabei entwickelt hast,
- wo der Code oder die Anwendung verfügbar ist.
Beschränke dich nicht darauf, nur einen GitHub-Link einzufügen. Ein Recruiter hat nicht immer Zeit, ein gesamtes Repository ausführlich zu analysieren.
Erkläre klar, was du gemacht hast und wofür du verantwortlich warst.
3. Nutze GitHub als technisches Portfolio
GitHub kann als technisches Portfolio dienen. Besonders wichtig ist es für Entwickler, Testautomatisierer, DevOps-Spezialisten und andere Personen, die mit Code arbeiten.
Achte darauf, dass deine Repositories übersichtlich und verständlich sind.
Jedes wichtige Projekt sollte eine README-Datei enthalten, in der du Folgendes beschreibst:
- den Zweck des Projekts,
- die verwendeten Technologien,
- die Voraussetzungen,
- die Installation,
- die Ausführung,
- die wichtigsten Funktionen,
- mögliche nächste Entwicklungsschritte.
Vermeide leere Projekte, zufällige Dateien und vollständig kopierten Kurscode ohne eigene Änderungen.
Ein Projekt sollte zeigen, dass du die verwendeten Lösungen verstehst und den Code selbstständig weiterentwickeln kannst.
4. Bewirb dich für ein Praktikum oder Trainee-Programm
Praktika und Trainee-Programme gehören zu den direktesten Möglichkeiten, erste Berufserfahrung zu sammeln.
Du lernst dabei, wie die Arbeit in einem echten Team aussieht, welche Prozesse verwendet werden und mit welchen Tools Unternehmen arbeiten.
Selbst ein kurzes Praktikum kann dir Erfahrungen in folgenden Bereichen geben:
- Arbeit mit Versionskontrollsystemen,
- Teilnahme an Teammeetings,
- Bearbeitung von Tickets,
- Code Reviews,
- Testen neuer Funktionen,
- Erstellung von Dokumentation,
- Arbeit nach festgelegten Prozessen.
Wähle ein Praktikum jedoch nicht nur deshalb, weil im Titel das Wort „IT“ vorkommt. Prüfe genau, welche Aufgaben du übernehmen wirst und ob sie dich in deinem gewünschten Bereich weiterbringen.
5. Übernimm kleine Aufträge
Erste Erfahrungen kannst du auch durch kleinere Aufträge sammeln.
Am Anfang kannst du Freunden, lokalen Unternehmen, Vereinen, Stiftungen oder kleinen Organisationen helfen. Das kann die Erstellung einer Website, die Behebung eines Fehlers, das Testen einer Anwendung, eine Datenanalyse, die Konfiguration eines Tools oder die Automatisierung eines einfachen Prozesses sein.
Selbst ein kleiner Auftrag vermittelt wichtige Fähigkeiten:
- Anforderungen verstehen,
- mit Kunden kommunizieren,
- Arbeit planen,
- Zeitaufwand einschätzen,
- reale Probleme lösen,
- ein fertiges Ergebnis übergeben.
Lege den Umfang, die Frist und die Bedingungen der Zusammenarbeit klar fest. Das gilt auch für unbezahlte Projekte.
Ein kostenloses Projekt sollte nicht automatisch unbegrenzte Änderungen und ständige Erreichbarkeit bedeuten.
6. Engagiere dich ehrenamtlich
Stiftungen, gemeinnützige Organisationen und lokale Initiativen benötigen oft technische Unterstützung, verfügen aber nicht immer über das Budget, einen Spezialisten einzustellen.
Du kannst bei der Erstellung oder beim Testen einer Website, bei der Datenorganisation, bei technischen Anleitungen, bei der Tool-Konfiguration oder bei einfachen technischen Problemen helfen.
Eine solche Zusammenarbeit kann ein wertvoller Bestandteil deines Lebenslaufs sein, weil sie zeigt, dass du für eine reale Organisation gearbeitet und ein konkretes Ziel umgesetzt hast.
Vor Beginn solltest du klären, ob du das Projekt später in deinem Portfolio beschreiben darfst und ob du eine Referenz erhalten kannst.
7. Arbeite an Open-Source-Projekten mit
Open-Source-Projekte ermöglichen es dir, öffentlich an Software mitzuarbeiten.
Du musst nicht sofort große Änderungen in einem bekannten Projekt umsetzen. Du kannst mit kleineren Aufgaben beginnen, zum Beispiel:
- Dokumentation verbessern,
- einen Fehler melden,
- einen zusätzlichen Test erstellen,
- eine einfache Aufgabe lösen,
- einen kleinen Fehler im Code beheben,
- Teile der Dokumentation übersetzen.
Die Arbeit an Open Source hilft dir, den Prozess von Änderungen, Pull Requests, Reviews und Teamkommunikation kennenzulernen.
Suche nach Aufgaben mit Bezeichnungen wie „good first issue“, „beginner friendly“ oder „help wanted“.
8. Nimm an Hackathons und Teamprojekten teil
Ein Hackathon ist eine Veranstaltung, bei der Teilnehmer in kurzer Zeit eine Lösung für ein bestimmtes Problem entwickeln.
Das ist eine gute Gelegenheit, praktische Erfahrung in der Teamarbeit zu sammeln. Selbst wenn das Projekt nicht vollständig fertiggestellt wird, kannst du lernen, Aufgaben zu verteilen, schnelle Entscheidungen zu treffen, Ergebnisse zu präsentieren und mit Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenzuarbeiten.
Ähnliche Vorteile bieten Gruppenprojekte in Kursen, Bootcamps oder IT-Communities.
Wichtig ist, dass du genau weißt, für welchen Teil des Projekts du verantwortlich warst. Im Vorstellungsgespräch kann man dich nach deinem konkreten Beitrag fragen.
9. Dokumentiere deinen Lernprozess
Das Veröffentlichen von Lerninhalten kann dir helfen, sichtbar zu werden und gleichzeitig dein Wissen zu festigen.
Du kannst zum Beispiel:
- kurze LinkedIn-Beiträge schreiben,
- Blogartikel veröffentlichen,
- Tutorials erstellen,
- Lernnotizen teilen,
- Videos aufnehmen,
- gelöste Probleme erklären,
- Projekte zusammenfassen.
Du musst dich dabei nicht als Experte darstellen. Du kannst offen zeigen, was du lernst, welche Schwierigkeiten du hattest und welche Erkenntnisse du gewonnen hast.
Regelmäßige Veröffentlichungen zeigen Engagement, Kommunikationsfähigkeit und Konsequenz. Sie können außerdem dazu führen, dass Recruiter oder Arbeitgeber auf dein Profil aufmerksam werden.
10. Suche nicht nur auf den größten Jobportalen
Beliebte Junior-Stellen erhalten oft sehr viele Bewerbungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass du diese Portale meiden solltest.
Es ist sinnvoll, parallel weitere Wege zu nutzen.
Prüfe Karriereseiten von Unternehmen, Fachgruppen, lokale Communities, Veranstaltungen, Recruiter-Profile und soziale Netzwerke. Du kannst auch kleine Unternehmen direkt anschreiben, selbst wenn sie aktuell keine offene Stelle ausgeschrieben haben.
Eine solche Nachricht sollte kurz und konkret sein. Erkläre, in welchem Bereich du dich entwickelst, welche Fähigkeiten du besitzt und welche Projekte du zeigen kannst.
Versende jedoch nicht dieselbe allgemeine Nachricht an Hunderte von Firmen. Eine individuell angepasste Nachricht erhöht die Chance auf eine Antwort deutlich.
Kann man eigene Projekte im Lebenslauf angeben?
Ja. Eigene Projekte solltest du im Lebenslauf angeben, besonders wenn du noch keine kommerzielle Berufserfahrung hast.
Du kannst einen eigenen Abschnitt mit dem Titel „Projekte“ erstellen und dort deine wichtigsten Arbeiten beschreiben.
Ein Beispiel könnte so aussehen:
Testautomatisierung für einen Online-Shop
Erstellung eines Testautomatisierungsprojekts für eine Webanwendung mit Playwright und TypeScript. Entwicklung von Tests für Login, Produktsuche und Bestellprozess. Konfiguration von Testberichten und automatischer Ausführung mit GitHub Actions.
Eine solche Beschreibung ist deutlich überzeugender als eine reine Liste von Technologien ohne praktischen Kontext.
Muss Erfahrung kommerziell sein?
Nicht jede wertvolle Erfahrung muss aus einer bezahlten Tätigkeit stammen.
Für einen Arbeitgeber ist vor allem wichtig, ob du Aufgaben für die jeweilige Position ausführen kannst, grundlegende Prozesse verstehst und deine Entscheidungen erklären kannst.
Ein eigenes Projekt ist nicht dasselbe wie ein Jahr Berufserfahrung. Deshalb solltest du es nicht als kommerzielle Beschäftigung darstellen.
Es kann jedoch zeigen, dass du praktische Fähigkeiten besitzt und dich nicht nur auf theoretisches Wissen beschränkst.
Reichen Kurse und Zertifikate aus?
Kurse helfen dabei, Wissen zu strukturieren und grundlegende Tools kennenzulernen. Zertifikate können bestätigen, dass du dich mit einem bestimmten Themenbereich beschäftigt hast.
Problematisch wird es, wenn jemand viele Kurse abschließt, das Wissen aber nie praktisch anwendet.
Nach einem Kurs solltest du deshalb ein eigenes Projekt erstellen. Kopiere nicht nur alle Schritte aus dem Kurs. Ändere die Anforderungen, füge neue Funktionen hinzu, verwende andere Daten oder löse ein ähnliches Problem selbstständig.
So wird der Kurs zum Ausgangspunkt für echte Erfahrung und nicht nur zu einem weiteren Eintrag im Lebenslauf.
Wie bereitet man sich auf die erste Bewerbung vor?
Lies jede Stellenanzeige genau und prüfe, welche Anforderungen du bereits erfüllst.
Du musst nicht jeden einzelnen Punkt erfüllen, um dich zu bewerben. Stellenanzeigen beschreiben häufig den idealen Kandidaten, den es in der Praxis vielleicht gar nicht gibt.
Bereite dich jedoch darauf vor, ausführlich über deine Projekte zu sprechen.
Du solltest Fragen beantworten können wie:
- Warum hast du diese Lösung gewählt?
- Welche Probleme sind aufgetreten?
- Was würdest du heute anders machen?
- Wie hast du überprüft, ob das Projekt korrekt funktioniert?
- Welcher Teil war am schwierigsten?
- Was möchtest du in Zukunft noch hinzufügen?
Von einem Junior wird häufig keine jahrelange Erfahrung erwartet. Arbeitgeber achten jedoch auf Denkweise, technische Grundlagen, Selbstständigkeit und Lernbereitschaft.
Welche Fehler solltest du vermeiden?
Einer der häufigsten Fehler ist, ständig neue Kurse zu beginnen, ohne eigene Projekte abzuschließen.
Vermeide außerdem:
- fertige Projekte zu kopieren, ohne sie zu verstehen,
- Technologien im Lebenslauf anzugeben, die du nur oberflächlich kennst,
- zu Beginn ein viel zu großes Projekt zu planen,
- mit Bewerbungen zu warten, bis du jede Anforderung erfüllst,
- eigene Projekte als kommerzielle Erfahrung darzustellen,
- für jede Stelle denselben Lebenslauf zu verwenden,
- dich ausschließlich auf Zertifikate zu konzentrieren.
Ein Arbeitgeber erkennt schnell den Unterschied zwischen jemandem, der nur Tool-Namen kennt, und jemandem, der diese Tools tatsächlich verwendet hat.
Ein einfacher Plan für erste IT-Erfahrungen
Du kannst mit einem klaren Plan beginnen:
- Wähle eine konkrete Spezialisierung.
- Analysiere typische Stellenanzeigen.
- Lerne die wichtigsten Grundlagen und Tools.
- Erstelle ein kleines eigenes Projekt.
- Veröffentliche es auf GitHub.
- Erstelle eine Projektbeschreibung und ein Portfolio.
- Bitte eine erfahrenere Person um Feedback.
- Überarbeite deinen Lebenslauf und dein LinkedIn-Profil.
- Beginne regelmäßig Bewerbungen zu verschicken.
- Entwickle parallel dein nächstes Projekt.
Warte nicht darauf, dass du dich vollständig bereit fühlst. In der IT gibt es immer neue Technologien und Themen, die du noch nicht kennst.
Wichtig sind solide Grundlagen und die Fähigkeit, selbstständig nach Lösungen zu suchen.
Fazit
Du kannst erste IT-Erfahrungen sammeln, bevor du deinen ersten Arbeitsvertrag unterschreibst.
Eigene Projekte, GitHub, ein Portfolio, Praktika, kleine Aufträge, ehrenamtliche Tätigkeiten, Open-Source-Projekte und Hackathons helfen dir dabei, praktische Fähigkeiten aufzubauen und dich bei Bewerbungen von anderen Kandidaten abzuheben.
Versuche nicht, alles gleichzeitig zu lernen. Wähle einen Bereich, lerne die wichtigsten Werkzeuge und erstelle ein Projekt, das du im Detail erklären kannst.
Der erste Job in der IT ist meistens am schwierigsten zu bekommen. Jedes abgeschlossene Projekt, jedes gelöste Problem und jedes Vorstellungsgespräch bringt dich deinem Ziel jedoch näher.
